Mönch, ärgere dich nicht
Es gibt immer etwas zu verbessern. Wir leben im Zeitalter des Individualismus und der Optimierung. Schande über dich, wenn du nicht mithältst. Egal ob es uns gelingt oder nicht, was bleibt, ist der Drang etwas zu ändern, weiter an sich zu arbeiten. Als wären wir nicht bereits gut genug. Aber alles andere würde sich irgendwie anfühlen, als hätte man sich aufgegeben, oder? Mehr Sport, gesündere Ernährung, genug Schlaf, ein besserer Freund/eine bessere Freundin sein, eine bessere Mutter/ein besserer Vater, eine effizientere Arbeitskraft.. Was soll ich denn noch alles machen? Ist es nicht vielleicht überflüssig, ein Fehler, die "amerikanische Krankheit", sich ständig optimieren zu wollen?
Zuerst: Wen verbessern wir? Wer will verbessern? Was verbessern? "Meinen" Körper, "meine" Ernährung, "meine" Gedanken, Emotionen? Wessen?
Wer bin ich?
Meditation beschäftigt sich genau mit dieser Frage. Wenn ich keine Erfahrung mit Meditation habe, hier ein erster Ansatz:
Finde eine bequeme, aufrechte aber entspannte Sitzposition auf einem Stuhl oder dem Boden. Werde dir über Spannungen, die du in Gesicht, Nacken und den Schultern hältst bewusst und lasse sie los. ☯ Lenke deine Aufmerksamkeit auf deine Atmung. Verfolge den Atem von dem Moment an, in dem er beginnt bis hin zu dem Moment, in dem er endet. Gibt es eine Region in deinem Körper, wo du den Atem am stärksten wahrnimmst (beispielsweise die Nasenspitze, die Nasenhöhle oder das Heben und Senken der Brust oder der Bauchdecke)? Fokussiere dich auf diesen Bereich. ☯ Beobachte, wie leicht es ist, von Gedanken abgelenkt zu werden. Wenn du bemerkst, dass du einem Gedanken folgst, urteile nicht und versuche nicht, den Gedanken loszuwerden. Versuche die Rolle des Beobachters in diesem Szenario einzunehmen. Schau, ob du erkennen kannst, dass das Gefühl von "Ich" getrennt von dem Gedanken selbst ist. "Ich" beobachte nur meinen Gedanken.
Versuche jetzt den Blick zurück zu werfen - nur für einen Moment, wie der Blitz einer Kamera, an einem Spiegel reflektiert. Wirf einen Blick auf den Beobachter. Den vermeintlichen Punkt, von dem aus du beobachtest - von dem aus du Gedanken, Sinneseindrücke, Gefühle und Emotionen wahrnimmst. Wer beobachtet? Wenn es gelingt (und das kann uns 3 Sekunden oder 30 Jahre brauchen), ist es wie ein Schleier der von uns fällt. Wir sehen plötzlich, dass da niemand sitzt. Kein Beobachter, kein "Ich", das auf eine Leinwand schaut. Kein "Ich", das das Erfahrene erlebt. Da ist nur das Erfahrene selbst. Die Vorstellung von "Ich" im Sinne eines Erlebenden getrennt von dem Erlebten ist eine Illusion. Eine Geschichte. ☯ Erlebnisse formen unsere Gedanken, Erinnerungen, Emotionen und Gefühle; sie erscheinen; ohne Autor. Die Ansammlung dieser Eindrücke beeinflusst unsere Wahrnehmung im Jetzt. Sie formt unser Narrativ. Aber meine Existenz ist nicht gleich meiner Geschichte. Meine Existenz ist unschuldig, blank, unvoreingenommen - tabula rasa. Ein Prototyp, "Pu" im chinesischen, ungeschliffener Stein. Das kann ich weder verlieren, noch erreichen. Das IST. Von Geburt an. Denke an dein Dasein als Baby zurück, als deine Erfahrungen noch keine Geschichte geformt haben, wir noch keinen Filter entwickelt haben, noch nicht wissen, welchen Eindrücken wir Beachtung schenken sollen. Das bist du. Bloße Wahrnehmung, blankes Bewusstsein.
Folge-Erkenntnis: Wenn sich meine Gedanken auf dem Erlebten beruhen und umgekehrt das Erlebte beeinflussen, bin ich dann verantwortlich für meine Gedanken? Entscheide ich zu irgendeinem Zeitpunkt, was ich als nächstes denke? Nein. Die Entscheidung trifft unser Unterbewusstsein, zu dem wir keinen direkten Zugang haben. Freier Wille ist genauso eine Illusion, wie das erlebende Ich. Autsch. Völlig empört denkst du jetzt vielleicht: "was bildest du dir ein! Natürlich entscheide ich wie ich will und ich mach auch was ich will". Wirklich? Verteidigst du nicht gerade nur deine Autorität, weil es sich wie eine Einschränkung anfühlt, keinen freien Willen zu haben? Freiheit und freier Wille sind nicht das Gleiche. Freiheit bedeutet nicht, frei von Grenzen zu sein, sondern eine Wahl zu haben. Und das verlangt nach der Frage "wer bin ich?". "Du" bist nicht das Problem, "du" bist die Lösung deiner Probleme. Frage einen guten Freund/eine gute Freundin und er/sie würde dir sagen, dass du zu hart zu dir selbst bist. Wir müssen lernen, uns selbst, jeden Teil unserer Geschichte und unsere unschuldige Rolle darin zu erkennen, anzunehmen und in der Gänze zu akzeptieren.
Und das steht dem nicht im Weg, dass ich weiter an mir arbeite. Mit dem Ziel, die Welt so wahrzunehmen, wie sie ist und kein falsches Bild durch einen erlernten Filter zu erzeugen.
Der "Idealzustand" wäre es demnach, frei von Gedanken, Gefühlen, Vorurteilen, Emotionen usw. zu sein. Aber wir sind kein Stein. Die Unerreichbarkeit dieses Zustands, unsere Imperfektion, ist genau das, was uns menschlich macht. Jeder, wirklich jeder (auch ein Mönch, der erleuchtet wurde) hat seine eigenen Perversionen - ob man sie sich eingesteht oder nicht. Das heißt es Mensch zu sein. Der Unterschied liegt darin, wie bewusst ich mir dessen bin und wie ich daraufhin handle. Sobald ich versuche, das zu unterdrücken, zu ignorieren oder umgekehrt, darin ergehe (im Sinne "so bin ich halt einfach, ich kann nicht anders"), verzerre ich, was wirklich ist und leide unnötig.
Uns weiterzuentwickeln, indem wir uns bildlich etwas hinzufügen, eine Fähigkeit, Verhaltensweise, Wissen etc. ist somit vielleicht tatsächlich fehlgeleitet. Überflüssig. Wir übertönen nur weiter unser wahres Ich. Die Ablenkung Ablenkung sein lassen; darauf berufen, was wir im Kern sind - das ist der Weg - Dao. Wir sind Teil dieser Welt, untrennbar, Subjekt wie Objekt, so wie eine Welle Teil des Ozeans. Lass das Leben durch dich leben.
"Das Mysterium des Lebens ist kein Problem, das es zu lösen gilt, sondern eine Realität, die zu erfahren ist" - J.C. van der Leeuw
Wir haben die Wahl, ob wir unser ganzes Leben blind verbringen und durch unser Unterbewusstsein leiten lassen oder nach mehr Bewusstsein streben. Leid ist an Gedanken gebunden. Du kannst nicht frei von Leid werden, indem du versuchst etwas zu tun - du kannst nicht frei von Leid werden, indem du versuchst etwas nicht zu tun - du versuchst immer noch zu Punkt X zu kommen. Zu glauben etwas nur lange genug tun zu müssen, um irgendwo "anzukommen", ist ein Irrtum. Es ist bereits da - und geht immer weiter. Das WIE ist entscheidend, weniger das WAS, aber gewiss nicht das WARUM.
Abschließend: durch Denken kommst du nicht weiter, aber du musst denken, um zu verstehen. Der Körper ist für viele der leichteste Zugang, um "im Moment zu sein" und diesen so zu erleben, wie er ist. Mehr dazu in späteren Beiträgen.
- Quentin
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